Der Spiegel, der nur Freundlichkeit zeigte

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In einer kleinen Stadt zwischen den Hügeln, wo die Dächer rot waren und die Schornsteine am Morgen immer ein wenig rauchten, stand auf dem Marktplatz ein alter Brunnen. Der Brunnen war aus Stein und hatte dort so lange gestanden, dass niemand mehr wusste, wer ihn gebaut hatte. Eines Abends, als der Himmel rosa war und die Fledermäuse ihre weichen Kreise begannen, kam ein alter Mann über den Platz gegangen. Sein Mantel war geflickt und seine Schuhe staubig, doch seine Augen waren ruhig wie ein stiller See. Er hieß Orvar und war einst ein Zauberer gewesen. Jetzt war er nur müde.

Orvar ging zum Brunnen und setzte sich auf dessen Rand. Aus seiner Innentasche zog er etwas Kleines hervor, eingewickelt in blauen Samt. Es war ein Spiegel, oval, kaum größer als seine Handfläche, mit einem Rahmen aus Silber, so dünn, dass er wie ein Spinnennetz aussah. Er hielt ihn ins Abendlicht und lächelte ein wenig, als kenne er den Spiegel gut. 'Du hast mir lange gedient', sagte er leise. 'Nun darfst du jemand anderem dienen.' Dann drückte er den Spiegel behutsam in einen Spalt im Brunnenstein, wo er kurz aufblitzte und festsaß, als hätte der Stein immer auf ihn gewartet.

Als der Spiegel an seinem Platz saß, erhob sich Orvar langsam. Er bürstete etwas Staub von seinem Mantel und sah hinauf zum Himmel, wo der erste Stern gerade aufgegangen war. 'Spiegel', sagte er leise, 'du zeigst nur, was freundlich ist. Nichts anderes. Das ist mein letztes Geschenk.' Er nickte dem Brunnen einmal zu, wie man einem alten Freund zunickt, und ging dann über den Platz. Seine Schritte waren langsam, aber sicher. Als er an der Bäckerei um die Ecke verschwand, schien die Luft selbst auszuatmen, als wäre etwas Großes gerade vollendet worden.

Am nächsten Morgen war der Marktplatz voller Menschen. Der Bäcker trug frische Brote heraus, der Fischhändler legte seine Würste aus, und die Kinder rannten vorbei, mit Wangen rot von der Morgenluft. Niemand wusste noch, was am Brunnen geschehen war. Eine Frau namens Greta sah den Spiegel als Erste. Sie war gekommen, um Wasser zu holen. Als sie sich bückte, um die Kurbel zu drehen, blitzte etwas neben ihr auf. Sie stellte den Eimer ab und schaute hin. Und da, im Stein, saß ein kleiner ovaler Spiegel, an dem sie sicher schon tausendmal vorbeigegangen war.

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